Ungarn zieht die Notbremse: Das Kernkraftwerk Paks, normalerweise das Rückgrat der ungarischen Stromversorgung, wurde wegen des dramatisch niedrigen Wasserstands der Donau vollständig heruntergefahren. Es ist das erste Mal seit mehr als vier Jahrzehnten, dass die einzige Atomanlage des Landes wegen fehlenden Kühlwassers komplett vom Netz geht. Ausgerechnet mitten in einer Hitzewelle fällt damit ein Kraftwerk aus, das gewöhnlich fast die Hälfte des ungarischen Stroms liefert.
Die Lage hatte sich seit Tagen zugespitzt. Paks liegt rund 100 Kilometer südlich von Budapest und nutzt Wasser aus der Donau zur Kühlung seiner vier Reaktorblöcke. Der Fluss ist nach monatelanger Trockenheit und wiederholten Hitzewellen auf historische Tiefstände gefallen. Bevor die Anlage gestoppt wurde, war ihre Leistung bereits schrittweise auf nur noch etwa zehn Prozent reduziert worden. Nun steht die Produktion vollständig still – und niemand kann sicher sagen, wie schnell genügend Wasser zurückkehrt.
Ministerpräsident Péter Magyar sprach von mehreren kritischen Tagen für das Stromnetz. Temperaturen von bis zu 40 Grad treiben gleichzeitig den Verbrauch durch Klimaanlagen und Kühlung nach oben. Genau in diesem Moment fehlen rund 2.000 Megawatt Erzeugungsleistung. Die Regierung prüft deshalb verpflichtende Verbrauchsbeschränkungen für große Unternehmen und ruft Haushalte, Behörden und Betriebe dazu auf, vor allem am Abend weniger Strom zu verwenden.
Der Öl- und Energiekonzern MOL hat angekündigt, seinen Verbrauch deutlich zu senken. Auch staatliche Gebäude sollen sparen: dekorative Beleuchtung wird abgeschaltet, nicht unbedingt notwendige Veranstaltungen und Sitzungen können verschoben werden. Trotzdem muss Ungarn zusätzliche Elektrizität aus dem Ausland einkaufen. Das wird teuer. Reuters beziffert die möglichen wirtschaftlichen Belastungen auf 100 bis 200 Milliarden Forint, umgerechnet mehrere hundert Millionen Dollar.
Besonders heikel ist, dass sich ein solcher Ausfall nicht einfach wie ein Lichtschalter rückgängig machen lässt. Ein Kernkraftwerk muss kontrolliert heruntergefahren, überwacht und später schrittweise wieder angefahren werden. Selbst wenn der Pegel der Donau plötzlich steigt, steht die volle Leistung daher nicht sofort wieder bereit. Gleichzeitig können hohe Temperaturen Leitungen, Transformatoren und Kraftwerke zusätzlich belasten. Aus einem einzelnen Engpass kann so eine Kette weiterer Probleme entstehen.
Die Krise endet nicht an Ungarns Grenze. In Serbien liefert das größte Wasserkraftwerk an der Donau nur noch einen Bruchteil seiner normalen Leistung. Auch Rumänien kämpft mit Problemen bei der Stromerzeugung. Niedrige Flusspegel behindern außerdem Schifffahrt, Tourismus und Wasserversorgung. In mehr als hundert ungarischen Gemeinden gelten bereits Einschränkungen beim Wasserverbrauch.
Ein landesweiter Blackout wurde bislang nicht gemeldet, und die Behörden erklären, die Versorgung bleibe gesichert. Doch die Reserve ist sichtbar kleiner geworden. Fällt jetzt zusätzlich ein großes Kraftwerk, eine wichtige Leitung oder ein grenzüberschreitender Import aus, könnte die Lage rasch ernster werden. Genau darin liegt die eigentliche Warnung dieses Ereignisses: Stromnetze hängen nicht nur von Kabeln, Brennstoffen und Technik ab, sondern auch von Wasser, Wetter und funktionierenden Nachbarländern.
Für Haushalte bedeutet das keine Panik, aber einen klaren Weckruf. Geladene Powerbanks, Batterielampen, Trinkwasser, haltbare Lebensmittel, Bargeld, ein Radio und ein Plan für Medikamente oder Kühlung sind keine Übertreibung. Wer elektrische Rollläden, Garagentore oder Kochfelder nutzt, sollte außerdem wissen, welche manuelle Alternative es gibt. Ungarn zeigt gerade, wie schnell extreme Hitze und ein ausgetrockneter Fluss selbst ein modernes europäisches Energiesystem unter Druck setzen können.
Quelle: Reuters, 1. und 2. August 2026; Associated Press, 1. August 2026; Euronews, 30. Juli 2026.
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02.08.2026
Donau auf Rekordtief: Ungarn schaltet einziges Kernkraftwerk ab
Historisches Niedrigwasser zwingt Ungarn zur Abschaltung des Kernkraftwerks Paks. Fast die Hälfte der heimischen Stromproduktion fällt ausgerechnet während einer Hitzewelle weg.